Reisebericht: Trekking im Zagoria Tal
Tag Eins – Ankunft in Tirana
Der Abflug am Montagabend verspätet sich um eine halbe Stunde. Das wird kurz etwas kritisch, da sich die späte Ankunft direkt mit dem Abendessen überschneidet. Trotzdem überwiegt die Vorfreude auf eine Woche Südalbanien. Nach kurzen technischen Schwierigkeiten bekomme ich meine eSIM zum Laufen, informiere Reiseleiter Doni über meine Verspätung und fahre mit dem Taxi in die Innenstadt. Beim Abendessen lerne ich die kleine Reisegruppe kennen. Schnell wird klar: Das werden angenehme Reisetage mit neugierigen und aufgeschlossenen Menschen. Gemeinsam spazieren wir durch die laue Frühlingsnacht zurück zum Hotel.
Tag Zwei – Übernachtung in Limar
Heute geht es endlich los. In Peshtan beginnt unsere Wanderung. Schon beim Aussteigen fühle ich mich an die Alpen erinnert. Über uns ragen hohe Berge auf, auf einigen Gipfeln liegt noch Schnee. Gleichzeitig ist unten im Tal bereits alles sattgrün. Ende April zeigt sich der Frühling hier von seiner schönsten Seite.
Die Wege sind schmal, verschlungen und stellenweise zugewachsen. Schnell entsteht bei mir der Eindruck, dass hier nicht viele Wanderer unterwegs sind. Genau das macht einen großen Teil des Reizes aus. Die Natur wirkt ursprünglich und weitgehend unberührt. Bei einem ersten Kaffeehalt kommen wir mit dem Einheimischen Ilir ins Gespräch. Wir unterhalten uns allesamt über den vergangenen Kommunismus, aus der Zeit von Enver Hoxha. Enorm spannend, und genau diese Begegnungen hatte ich mir erhofft: nicht nur durch eine Landschaft zu wandern, sondern auch etwas über die Menschen zu erfahren, die hier leben.
Besonders gefallen mir die letzten Schritte hinauf nach Limar. Nach und nach taucht das Dorf vor uns auf. Die Häuser wirken historisch und bodenständig. Nichts wirkt geschniegelt oder künstlich – alles wirkt einfach echt. Am Abend werden wir herzlich im Homestay empfangen und verbringen viele Stunden mit Gesprächen über den ersten Wandertag.
Tag Drei – Übernachtung in Hoshteve
Der angekündigte Regen bleibt aus und stattdessen begleitet uns bestes Wanderwetter. Heute bin ich endgültig im Wanderflow angekommen. Wir ziehen über grüne Wiesen durch das Zagoria-Tal. Links und rechts des Weges grasen Rinder, Schafe und Ziegen. Immer wieder werden wir freundlich begrüßt oder auf einen Kaffee eingeladen.
Gleichzeitig fällt mir auf, wie einsam das Tal eigentlich ist. Außer unserer kleinen Gruppe begegnen wir praktisch keinen anderen Wanderern. Dieses Gefühl von Weite und Ruhe ist etwas Besonderes. Man fühlt sich fast ein wenig wie ein Entdecker in einer Landschaft, die vom Tourismus bisher weitgehend verschont geblieben ist.
Zu den Höhepunkten des Tages gehören die Flussdurchquerungen. Sie sind ein wenig abenteuerlich, machen aber großen Spaß. Das Wasser hat eine erstaunliche hellblaue Farbe. Die Landschaft erinnert mich hier weniger an die Alpen als vielmehr an Kroatien und den Mittelmeerraum. Man spürt förmlich, dass das Meer nicht mehr allzu weit entfernt sein kann. Der Wasserfall, der die Flussquerung ankündigt, ist beeindruckend und die gesamte Umgebung wirkt wild und ursprünglich.
Am Abend in Hoshteve angekommen, führt uns ein Dorfbewohner in die wunderschöne alte Dorfkirche. Leider ist sie im Inneren nicht so schön erhalten wie außen, aber die Besichtigung ist trotzdem ein Stück Zeitgeschichte.
Tag Vier – Von Hoshteve nach Sheper
Wir wandern weiter durch das Tal. Immer wieder schweift mein Blick zu den schneebedeckten Gipfeln links und rechts von uns. Der Kontrast zwischen grünen Talböden und weißen Bergspitzen ist beeindruckend. Je länger wir unterwegs sind, desto mehr wird mir klar, dass ich eine Landschaft erlebe, die ich so bisher noch nirgendwo gesehen habe.
Immer wieder begegnen wir Ziegen- und Schafherden. Dazu gehören auch die berühmten Wachhunde, die regelmäßig für Aufmerksamkeit sorgen. Die kleinen Dörfer entlang des Weges wirken authentisch und kaum vom Tourismus geprägt. Besonders die Begegnungen mit den Menschen vor Ort bleiben in Erinnerung. Man merkt schnell, wie wichtig Gastfreundschaft hier ist.
Im Zielort genehmigen wir uns das Zielgetränk: “Niemand ist zu schaden gekommen und wir feiern den Wandertag.”.
Tag Fünf – Nach Permet
Heute wartet mit dem Djembeli-Pass der landschaftliche Höhepunkt der Reise. Gemeinsam mit einem Muli und seinem Treiber machen wir uns auf den Weg. Nach einigen Stunden erreichen wir den höchsten Punkt der Tour.
Oben öffnet sich der Blick in alle Richtungen. Doni erklärt uns die umliegenden Gipfel, auch wenn es zu viele Namen sind, um sie sich alle zu merken. Wahrscheinlich reicht der Blick sogar bis nach Griechenland. Wir bleiben lange dort oben, schauen ins Tal und zurück auf den Weg, den wir gerade bewältigt haben. Spätestens hier sind wir alle ein wenig stolz auf das, was wir gemeinsam geschafft haben.
Beim Abstieg legen wir mehrere Pausen auf blühenden Wiesen ein. Die Natur befindet sich genau zwischen Frühling und Frühsommer. Einige Pfingstrosen zeigen bereits ihre ersten Blüten. Wir genießen die Ruhe und saugen die besondere Atmosphäre noch einmal bewusst auf, bevor wir nach Permet hinuntersteigen.
Tag Sechs – Gjirokastra
Der letzte richtige Wandertag führt uns zum Sopot-Wasserfall. Der Wasserfall zeigt sich erst nach und nach während des Aufstiegs. Zunächst sehen wir die gewaltige Felswand im Hintergrund, bevor schließlich der Wasserfall selbst sichtbar wird. Zusammen ergibt das ein Panorama, das ich so noch nie gesehen habe.
Der Weg erinnert mich stellenweise an Madeira und seine Levadas und unterscheidet sich deutlich von den Wanderungen der vergangenen Tage. Vielleicht gerade deshalb bleibt mir dieser letzte Wandertag besonders in Erinnerung. Neben etwas Wehmut spüre ich vor allem Zufriedenheit und Dankbarkeit für die vielen Eindrücke der vergangenen Woche.
Später erreichen wir Gjirokastra. Bei einem Rundgang lernen wir die historische Altstadt kennen und erhalten spannende Einblicke in die Geschichte Albaniens.
Tag Sieben – Tirana
Früh am Morgen genieße ich noch einmal die besondere Atmosphäre von Gjirokastra. Anschließend geht es zurück nach Tirana. Auf der Fahrt begleitet uns traditionelle albanische Musik. In der Hauptstadt zeigt uns Doni die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Nach mehreren Tagen in kleinen Bergdörfern wirkt Tirana lebendig, modern und voller Energie.
Am Abend lassen wir die Reise gemeinsam ausklingen. Dabei wird noch einmal deutlich, wie viele Eindrücke diese Woche hinterlassen hat.
Tag Acht – Heimkehr
Vor dem Frühstück drehe ich noch eine kleine Runde durch Tirana. Die Stadt erwacht langsam zum Leben. Beim gemeinsamen Frühstück wird deutlich, wie viele Erinnerungen wir in dieser Woche gesammelt haben.
Mit vielen Eindrücken von den Bergen, den Dörfern, den Begegnungen mit den Menschen und der Ursprünglichkeit des Zagoria-Tals geht es zurück nach Deutschland. Besonders die Kombination aus schneebedeckten Gipfeln, frühlingsgrünen Tälern und kaum vorhandenem Wandertourismus wird mir lange in Erinnerung bleiben.
Mein Fazit
Das Zagoria-Tal hat mich vor allem durch seine Ursprünglichkeit beeindruckt. Von erhöhten Standpunkten aus blickt man auf eine Landschaft, die nahezu vollständig grün und frei von großer Infrastruktur wirkt. Große Straßen oder touristische Anlagen sucht man vergeblich. Genau diese Ruhe, die unberührte Natur und die herzlichen Begegnungen mit den Menschen vor Ort machen die Region für mich zu einem ganz besonderen Reiseziel.
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